Festliche Zugimpressionen

In der Bahn sitzend, lungensüchtig, schreibe ich dies. Es ist der 24., Heiligabend – bzw. Heiligmittag, der Abend ist noch weit entfernt.

Ich blicke mich um, beobachte meine Mitmenschen, soweit die der Bahn traditionell eigene Enge und Begrenztheit das zulässt.

Die Kopfhörer in meinen Ohren verschaffen mir etwas Privatssphäre umringt von Menschen. Anstatt von Gesprächsfetzen, deren Zusammenhänge sich mir eh verschlössen, werde ich mit einer Ballade von „Deine Lakaien“ akustisch beruhigt. Angenehm.

Die mir optisch zugänglichen Mitpassagiere sind bedauerlich unerwähnenswert. Ein bisschen schäme ich mich, als ich feststelle, dass das erwähnenswerteste an ihnen ihre dunkle Hautfarbe ist.

Willkommen in der absolut unvoreingenommenen Gesellschaft.

Inzwischen ist der RE in Düsseldorf Hauptbahnhof eingefahren. Taubendreck an den Bahnhofsfenstern, illuminiert vom durch graue Wolken getrübten Wintersonnenlicht.

Einige weitere Menschen steigen ein, eilen durch den engen Gang in mein Sichtfeld und wieder hinaus. Eile ist geboten bei der Sitzplatzjagd. Möglichst mit Fenster. Um das Winterwonderland zu genießen und in Festtagsstimmung zu kommen.

Schneeverhangene Plattenbauten hetzen am Fenster vorbei. Vereinzelte kahle Bäume krümmen sich, nackt und festlich.

Die Schienen kreischen andächtig ein Weihnachtslied.

Anruf: die Liebsten warten schon am Gleis, nein, vor dem Bahnhof, um mich zu sich zu transportieren.

Das Verlangen, eine zu rauchen, kommt auf. Ho ho ho.

Die Lärmschutzwände sind mit Graffiti geschmückt.
„Meine“ anderen Reisenden dagegen sind unfestlich schlicht.

Leverkusen. Gleich werde ich eintreffen – Deutz/Bahnhof, und von dort weiter in den Stadtteil Wahn. Ob dieser Ironie muss ich schmunzeln.
Weswegen ich von gegenüber aus den Augenwinkeln gemustert werde. Fröhlichkeit macht verdächtig, besonders an Tagen wie diesem.
Musterung zu Wehrnachten.

Meinem Sichtfeld wird etwas Abwechslung gegönnt. Jung und blond, vielleicht Anfang 20. Traktiert fingerfertig mit einer Münze ein Rubbellos, auf der Suche nach etwas Glück.

Nächste Station werde ich aussteigen, daher ziehe ich meine Jacke an und werfe meine Tasche über – steige aus.

Frohe Weihnachten.

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Comments
One Response to “Festliche Zugimpressionen”
  1. SanjiHideki sagt:

    Schade, dass ich den Text erst jetzt entdecke.
    Sehr schöne Geschichte =)

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