Weihnachtliches, Allzuweihnachtliches

So. Weihnachten ist vorrüber, ich sitze in der Bahn zurück nach Gelsenkirchen.

Wieder mal war es keine „Weiße Weihnacht“. Auch von der vielbeschworenen „Heimeligkeit“ habe ich nicht viel gespürt.

Klar, ich freue mich, wenn ich meine Familie mal wiedersehe – ein durch Seltenheit besonders gewordenes Ritual, und das nicht ohne Grund.

Mit jedem Jahr merke ich, wie mir Weihnachten und sonstige „Familienfeiertage“ – besonders aber Weihnachten – weniger bedeuten.
Wofür brauche ich „Tage, die man mit der Familie verbringt“?
Warum hetzen „gute“ Söhne, Töchter, Enkel, Tanten, Onkels, Großeltern, Partner und Freunde im Dezember massenweise vom Glühwein berauscht durch bis ins klaustrophobische überfüllte Konsumtempel?
Denken sie wirklich, dass sie mir dadurch zeigen, wie viel ich ihnen bedeute? bzw. was sie vorgeben wieviel ich ihnen bedeute?

Denke ich zu oberflächlich und durchdringe dieses Verhalten denkend nicht? oder sind sie in ihrer hektischen Vorfreude und Andacht vielleicht – oberflächlich?

Um Missverständnissen vorzubeugen: ich habe das Fest durchaus genießen können und auch genoßen.

Nur entzieht sich der weihnachtliche Zauber meiner immer mehr.
Wie billig und mitleidserregend ist es, eines Feiertags zu bedürfen, um mit der ganzen Familie zusammen zu feiern und sich gegenseitig kleine Freuden zu machen?

Und ist es überhaupt noch ein Feiertag? Schaue ich in der Woche vor Heiligabend in der Stadt in die vorbei hastenden Gesichter, bin ich so kühn und wage es zu bezweifeln.
Was wird denn gefeiert? Die Geburt Jesu, des Heilands. Ein christlicher Feiertag. In einer Zeit, in der die Kirchen leerer werden und „Gott“ im Leben der meisten Menschen keinen Platz mehr hat.

Darf ich lachen?

Nein, darf ich nicht. Das Christentum ist den meisten Westeuropäern herzlich egal – aber wehe, man greift es an.

Fürchtet den göttlichen Zorn der Atheisten.

Dies ist eh eine der größeren Ironien des 24.12.:
Atheisten feiern die Geburt des Sohnes jenes Gottes, dessen Existenz sie verneinen.

Im Anfang war eben doch nicht das Wort, sondern die Gedankenlosigkeit.

Daher ist es denke ich kein Zufall, das in allen Teilen der Welt nicht das Jesuskind, sondern der Weihnachtsmann zum Symbol dieses Fests geworden ist – wie inzwischen die meisten Menschen wissen, eine vom Coca-Cola-Konzern unter dem Namen „Santa Claus“ erfundene Werbefigur.

Naja, immerhin sind die alljährlich-weihnachtlichen-Spendenaktionen als zyklisches Ablaßbriefmorphium für’s Gewissen so ein wohl unbewusstes Zeichen von Gutmenschenkonsequenz.

„Süßer die Klingelbeutel nie klingen“

Und da fragen mich Leute dann wirklich, was ich gegen das „Fest der Liebe“ habe – wer mir ernsthaft diese Frage stellt, sollte seinen Begriff von Liebe überdenken.

Dem nächsten dies Fragenden kotze ich mitleidig weiße Galle auf seine frisch erworbenen Putenflügel und zerbreche aufklärend seinen heil’gen.Schein.

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Comments
2 Responses to “Weihnachtliches, Allzuweihnachtliches”
  1. Kristina sagt:

    Jau, kann ich so unterschreiben.
    Ich will nicht ohne Grund in Japan Weihnachten feiern, mit Menschen, die die bedeutung so wenig kennen, dass man nochmal ganz von vorne anfangen kann. Die sich vielleicht noch auf das Abenteuer „Weihnachten ohne Familie [in Japan sowieso nicht], dafür aber mit einem Menschen der wirklich daran glaubt“ einlassen.

  2. stormcrow sagt:

    Den Weihnachtsmann hat Coca-Cola mitnichten erfunden. Den gabs schon lange vorher.

    Ansonsten kann ich das nur unterschreiben und froh sein, dass derartiges Brimborium in meiner Familie keine Lobby hat…

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