I. Alptag(t)raum?

Ich wache vom Schlaf verschleierten Blickes auf. Schwerfällig wende ich meinen Kopf der Digitaluhr neben meinem Bett zu. Die Uhrzeit leuchtet mir entgegen. Rot. 04.04 Uhr.

Die Nacht scheint durch das Fenster, taucht den Raum in Mondscheinzwielicht.

Gänsehaut überzieht meinen Körper – das Fenster ist auf. Kalt. Die Bettdecke von mir schiebend, schlurfe ich hin und schließe es. Ich reibe mir die Augen, lasse das kaum Gesehene verschwimmen.

Ein Schluchzen lässt mich aufschrecken.

Ich wirble herum, durchsuche den Raum mit aufgerissenen Augen. Nichts. Alles wie immer, alles gleich. Muss die Müdigkeit mir einen Streich gespielt haben.

Mich ins Bett fallen lassend ziehe ich die Decke wieder über mich, atme mit geschlossenen Augen tief ein und wieder aus.

Ein Schluchzen.

Die Lider schnellen hoch, erneut durchsuche ich das Zimmer. Nichts. Alte, abgewetzte Bücher und leicht angegilbte, schwarz vollgeschrieben Zettel lauern auf dem Boden liegend darauf, gesucht zu werden. In einer Ecke ein überfüllter Tisch mit ausgeschaltetem Computer, in dessen Bildschirm sich das Fenster und der Mond fahl spiegeln – spiegeln lassen.

Wieder dem Bett mich zuwendend bemerke ich aus dem Augenwinkel ein Stück Stoff unter dem Bett. Erstaunt gehe ich in die Knie und beuge mich nach vorne, um die Welt unter meinem Bett zu erkunden.

Sie liegt dort, auf dem Bauch, das Gesicht zwischen den Armen. Ausser einem langen, dunkelweißen Nachthemd scheint sie nichts zu tragen; blonde lange Haare bilden am Boden einen Halbkreis um sie. Ich höre sie weinen. Für meine Augen stimmt irgendetwas nicht.

Schaue ich genauer hin, kann ich durch ihren Körper erkennen, was sich hinter ihr befindet, als wäre sie durchsichtig. Meine Augen können sie nur schwer fassen, ihre Konturen scheinen unscharf zu sein.

Vorsichtig krieche ich ein Stück unter das Bett. Ruckartig den Kopf hebend hört sie auf zu weinen, blickt mich aus rotgeweinten Augen an, verschwommene Tränen hängen an einem kaum definierbaren Kinn, um dann herunter zu stürzen und im Boden zu verschwinden.

Ihr Gesicht ist kaum vorhanden. Ich erkenne Augen, eine Nase, einen Mund, die komplette Physiogonomie eines Menschen, könnte aber ihre Form und Farbe nicht beschreiben.

Sie fragend, warum sie denn weine, nähere ich mich ihr ein weiteres Stück, was sie zulässt.

Weil sie Angst habe, bringt sie zwischen zwei Schluchzern hervor. Auf die Frage, wie sie heisse, flüstert sie, sie heiße Lucy.

Warum habe sie, Lucy, denn Angst?

Vor ihrem Mörder.

Ich schlucke. Was geht hier vor? Wer will sie umbringen?

„Du hast mich umgebracht“ flüstert sie, während sie ihre Arme um mich schließt und wieder beginnt zu weinen.

Der Raum taucht sich in ein leuchtendes Rot, die Wände zerfließen. Meine Augen werden feucht, ich erwidere die Umarmung, während meine Tränen sich mit ihren mischen.

Ich frage sie, wann.

„Bald.“

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Comments
5 Responses to “I. Alptag(t)raum?”
  1. SanjiHideki sagt:

    Genialer Schreibstil!
    Das Ende fand ich etwas abrupt und sehr offen. Hoffe auf eine Fortsetzung =)

  2. kristinmayer sagt:

    Sei heißt nicht Lucy, sie heißt Diane.

  3. kristinmayer sagt:

    Weil mir schon eine ähnliche Geschichte durch den Kopf ging, nur ging es um Diane.

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