Impressionen einer Spätwinternacht

Sechster Stock, da wohne ich. Mit einer Spr0ße mehr wäre ich wohl im siebten Himmel gelandet. So aber ist das Leben hier, was ein Stock nunmal ist: hölzern.

Durch eingeschmolzenen Sand blickend, sehe ich vor allem zwei Dinge; die Bahnhaltestelle und einen tiefen Abgrund.

Eine Bahnhaltestelle ist eigentlich, wenn auch nicht in dem Maße wie ein Bahnhof, ein interessanter Ort, ein Ort des ständigen Kommens und Gehens. Würde ich mir die Masse an Menschen und ihre einzelnen Lebensgeschichten gleichzeitig einzeln vorstellen, käme ich in Sekundenbruchteilen an die Grenzen meiner Vorstellungskraft.

Also abstrahiere ich sie, gezwungenermassen, zu Umgebung, umgeben von der U35 Richtung Ruhr-Universität.

So lande ich wieder beim Abgrund.

Ich habe keine Ahnung, wie tief es von meinem Fenster aus runter geht, ich war noch nie gut im Schätzen von Höhen. Wie auch, wenn man in Tiefen lebt?

Eigentlich will ich es auch gar nicht wissen. Als ob es mir helfen würde, zu wissen, wie tief man fallen kann.

Wenn ich wieder nach vorne blicke, ist mein Horizont bedrückend gering. Beton.

Beton an sich ist schon ein seltsames Wort. Den inneren Franzosen für einen Moment aus dem Sprachzentrum verbannt, wird aus dem harten Baustoff ein Imperativ. beton‘

Ja was denn???

Das ich künstlich über den Dingen schwebe, in der Schwebe hänge, umgeben von vorbeischwebenden Nebelmenschen, die ich nur bedeuten, doch nie begreifen kann, die dadurch keinen Deut greifbarer werden?

An schönen Tagen fliegen zwitschernde Vögel an meinem Fenster vorbei, manche krachen gegen mein Fenster und schweben dann zu Boden, was mir immer sehr Leid tut.

Manchmal bin ich, gefühlt, auch ein Fenster. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft Menschen an mir vorbei flogen, inne hielten und zu mir kamen, weil sie in mir etwas sahen, etwas sehen wollten, vielleicht etwas von sich selbst, dabei jedoch alle immer durch mich hindurch sahen – sehen mussten.

Man kann gebrannten Sand formen, so lange er heiß ist, aber sobald er erkaltet, ist er starr und sehend kaum fassbar.

Eine Scheibe ist kein Spiegel.

Wenn ein Vogel gegen eine Scheibe kracht, verwirrt und verletzt ihn das, aber er rappelt sich wieder auf, um eine Erfahrung reicher, und steigt wieder in den Himmel.

Wenn eine Scheibe gegen Beton kracht, zerbricht sie.

„Schmilz die Scherben ein. Mach‘ einen Glasvogel draus, lass ihn fliegen“

Gerade fällt mir noch ein Witz ein, der u.a. auch in Watchmen aufgegriffen wird:

Ein Mann kommt zum Arzt, erzählt ihm, dass er traurig sei und keine Lust mehr zu Leben habe. Daraufhin antwortet der Arzt, die Lösung sei einfach, momentan sei der berühmte Clown Pirelli in der Stadt, er solle in eine Vorstellung gehen und sich aufheitern lassen, dann sei er geheilt. Der Mann beginnt zu weinen und schluchzt: „Aber Herr Doktor, ich bin Pirelli.“

„Denn das ist Humor: durch die Dinge durchsehen, wie wenn sie aus Glas wären.“

(Kurt Tucholsky, Brief an Mary Gerold, 4. Oktober 1918)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s