Heil Twitter(?) – darf das lustig sein?

Ich muss ein Geständnis ablegen: ich mag Hitler-Tweets. Ja, ich finde sie lustig (Nebenbei bemerkt bin ich da nicht der einzige, wie ich immer wieder merke).

Natürlich wurden unter seiner Führung unvorstellbare Greueltaten durchgeführt – da gibt es nichts zu beschönigen oder zu relativieren.

Andererseits frage ich mich: darf man deswegen nicht über ihn lachen? Muss man sich für jeden Witz rechtfertigen?

Der Grund, warum ich mir diese Frage stelle, ist ein Tweet, den ich heute morgen geschrieben, auf Anraten eines Followers allerdings wieder gelöscht habe:

Schade am Untergang des 3. Reiches ist, dass ich nun niemals im Bett ungestraft „Heil Kitzler“ rufen können werde.

Ganz abgesehen davon, dass, wie ich später merkte, @personaldebatte diesen Gedankengang auch schon hatte, empfinde ich ihn mitnichten als anstößig oder dergleichen, vielmehr gefällt mir die Überführung des Führerkults ins Sexuelle und dadurch ins Lächerliche. Das ist durchaus kein neuer Ansatz, wie man schon am Anfang des Trailers zu „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ sehen kann:

Überhaupt gab es schon zu seinen Lebzeiten genug Witze über Hitler – er bot ja auch genügend Angriffsfläche.

(Wer sich über kritischen Humor in der Nazizeit informieren möchte, dem lege ich die 45 Minuten lange Doku „Heil Hitler, das Schwein ist tot!“ an’s Herz)

So sehr mich diese Zeit auch gleichzeitig sowohl fasziniert als auch schockiert, trete ich ihr doch mit einem großen Abstand entgegen, schon alleine zeitlich. Mein Großvater war am Ende des 2. Weltkrieges in Europa 5 Jahre alt, meine Großmutter noch jünger. Muss ich mich trotzdem für etwas verantworten, was über 60 Jahre her ist? Werden Japaner im Ausland wegen des Massakers von Nanking überall Schlächter genannt? Nein.

Schonmal die Wikipediakategorie Kriegsverbrechen angeschaut?

Ich weiß, dass Deutschland noch auf lange Zeit mit dem Naziregime assoziiert werden wird, auch wenn außer einigen Ewig-Gestrigen niemand mehr mit diesem Gedankengut in Verbindung steht. Aber dass das gleichzeitig sinnlos ist, darf man nicht sagen?

Zurück zum Thema Humor:

Laut Wikipedia ist eine Karikatur „[…] die komisch überzeichnete Darstellung von Menschen oder gesellschaftlichen Zuständen, häufig mit politischem Hintergrund.“ Ich glaube daran, dass Humor Menschen hilft, Schlimmes zu ertragen und Dinge in einem anderen Licht zu sehen.

Beispielhaft etwa wäre Werner Finck zu nennen, der, in einem KZ inhaftiert, zu seinen Mithäftlingen sagte, dass sie „keine Angst mehr vor dem KZ haben bräuchten, denn sie seien ja schon drin“.

Angesichts des Grauens nicht zerbrechen, sondern es ertragen können, das ist meiner Meinung nach eine wichtige Leistung des Humors. Darauf gekommen bin ich durch einen Freund, der vor einigen Jahren an Leukämie erkrankt war (keine Sorge, er lebt noch und studiert heute).

Bei einem Besuch mit einigen Freunden erwähnte irgendjemand smalltalkend zufällig, dass die Mücken dieses Jahr ganz schön blutgierig seien. Daraufhin antwortete er „Mir doch egal, sollen sie ruhig kommen. Werden schon sehen, was sie davon haben!“ und alle fingen an zu lachen.

Ich glaube nicht, dass er sich damals bewusst war, was er da gerade gemacht hatte: er, der Kranke, hat uns die Scham davor genommen, über seine Krankheit zu reden. Keine langen Erklärungen, keine ausschweifenden Versicherungen, es gehe ihm gut. Einfach ein kleines Augenzwinkern „Hey, seht das ganze nicht so verbissen! Es ist nur eine Krankheit.“

Und dasselbe möchte ich auch erreichen: den Menschen ein Lächeln auf die Lippen zaubern, während ich ihre Gehirne zum rotieren und ihre festgefahrenen Moral- und sonstigen Vorstellungen auf den Prüfstand bringe.

Die Welt ist, rein mit dem Verstand betrachtet, unerträglich. Täglich Mord und Verbrechen, eigentlich scheint gerade das Unmenschliche das Wesen des Menschlichen zu sein. Wie will man nicht daran zerbrechen, führt man sich nicht manchmal ihre Absurdität vor Augen und lacht herzhaft über die so neu gesehene Realität?

Hey, es gibt Katzen, die wie Hitler aussehen!

Das ist allerdings nur meine Sichtweise, sehr individuell und möglicherweise fehlerhaft. Deswegen würde ich mich über andere Meinungen oder Zustimmung, aber auch Kritik, freuen, um zu sehen, was andere Menschen, Mitmenschen über dieses Thema denken 🙂

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Comments
2 Responses to “Heil Twitter(?) – darf das lustig sein?”
  1. girininjoo sagt:

    ich war überrascht, dass du den tweet zurückgezogen hast, ich fand den echt witzig! und ich bin voll und ganz deiner ansicht, dass es enorm wichtig ist, mit lachen distanz zu ALLEN dingen zu schaffen, da man ihnen sonst eine bedeutsamkeit verleiht, die sie nicht verdienen – sofern man die buddhistische sichtweise akzeptieren kann, die für mich die logischste ist. meiner ansicht nach gibt es einen grund für alle geschehnisse, weil wir alle etwas lernen wollen, um uns weiterzuentwickeln, auch auf spiritueller ebene. dass im lernprozess nicht nur kleine fehler, sondern auch große, schreckliche, passieren, ist teil des ganzen. und um diesen einen schritt zurücksteigen zu können, um das große ganze zu sehen, benötigen wir eben solche hilfsmittel wie humor. man kann nämlich viel sagen, aber mit sicherheit haben wir aus dieser schrecklichen zeit auch sehr viel gelernt. oje, eigentlich wollte ich gar nicht so esoterisch werden, sorry! *lol*

  2. Habe über Faceboook noch einen Kommentar von @feel_fun bekommen (und die Erlaubnis, ihn hierhin zu kopieren):

    Hallo Patrick, Habe gerade Deinen intelligenten Blogartikel „darf das lustig sein“ gelesen und soweit auch verstanden. Ich gehöre seit einiger Zeit auch zu Deinem Twittergefolge, und denke eine Meinung mehr kann nicht schaden. Als Sohn eines Gastarbeiters habe ich schon in der Schule zu spüren bekommen, wie viele Anhänger es immer noch von rechtem Gedankengut gibt – leider. In wenigen Wochen findet in meiner Stadt zum erneuten Mal ein Aufmarsch der rechten Szene statt – wir organisieren eine Gegenveranstaltung hier im Amt. Zu Hause wird man mit diesem Thema von den Kids (Schule) immer wieder zugetextet. Ich persönlich habe keinen Bock mehr, mich mit diesem Thema immer und immer wieder zu beschäftigen. Weder lustig noch unlustig. Da ich zwischen den Zeilen bei Dir schon mitbekam, wie Du es meinst, habe ich auch weiterhin alles von Dir gelesen – ich finde manches sogar recht witzig – aber ich denke, dass auch in 10 Jahren einige nicht darüber lachen können oder wollen. Ich für meinen Teil gehöre dazu. Bleibt abschliessend zu bemerken: Totschweigen ist auch keine Lösung – dessen bin ich mir bewusst – aber ein sensibler Umgang mit dem Thema schafft es vielleicht – den Rechten nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu schaffen, als unbedingt nötig…oder? freundliche Grüsse von Stefan (feel_fun)

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