Käfer und Hitler: Wie mein Osterfest ausgesehen haben wird

Da ich Hellseher bin und oft in diese meine Glaskugel schaue (die macht so göttliche Miniblitze, wenn man sie berührt), weiß ich schon jetzt, wie mein Osterfest verlaufen sein wird. Hier nun der wirklich wahrste Bericht, wie ich die Feiertage verbracht haben werde:

Und Gott sprach: „Es werde Licht!“ Nichts passiert. Das war’s! Ich habe vergessen, mir diesen sprachgesteuerten Lichtschalter zu kaufen. Verdammt!

Langsam schäle ich mich also aus meinem Bett und richte mich, so weit meine expressionistisch gewundene Wirbelsäule es zulässt, auf. Mit der linken Hand reibe ich den Sand aus meinen Augen und fluche innerlich über den Sandmann, der seinen Staubsaugerbeutel immer genau über meinem Schädel ausleert. Gleichzeitig patsche ich mit der Rechten gegen die Wand, ungeschickt den Lichtschalter suchend. „Schlafen wie ein Baby“, das kennt jeder, aber über das „Nach dem Aufstehen die motorischen Fähigkeiten eines Säugling haben“ redet keiner. Warum eigentlich nicht? Immerhin sabbern viele Erwachsene heute noch im Schlaf und sehen dabei aus wie ein Kamel, dass kurz vor der Oase verdurstet sind – oh, und so klingen tuen sie auch.

Ich treffe den Lichtschalter nicht. Dafür eine Spinne.

Morgendlich halbblind, schlecht gelaunt, noch schlechter riechend und mit einem Tierkadaver an der Hand schlurfe ich also ins Bad. Business as usual.

Während ich mir die Zähne putze, läuft mir etwas vom Zahnpasta-Spucke-Gemisch die Lippe herunter. Das schnelle Rein-Raus meiner Zahnbürste lässt mich aussehen wie eine Pornodarstellerin beim Dreh. Meine Laune wird noch schlechter: so früh schon mit Arbeit konfrontiert zu werden, ist unmenschlich.

Als ich unter die Dusche springen will, werde ich vom klinisch reinen Schimmel auf den Kacheln darauf aufmerksam gemacht, dass die Duschkabine mit dem Boden abschließt, und dass mein Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist. Also lasse ich es und wasche mich am Waschbecken – Mutter hätte beim Anblick desselben ohne große Umschweife aus einem Substantiv einen Imperativ gemacht.

Zum erfolgreichen Start in den Tag gehört natürlich auch ein reichhaltiges Frühstück. Also ziehe ich hastig tief an meiner Kippe, während ich zur Bahn hastend meinen Kaffee über meine Hand verschütte. Die Verbrennung wird sofort feuerrot, ich strecke meinen Arm nach oben. Der Bahnfahrer wartet. Zu meinem Glück ist er kurzsichtig wie ein Maulwurf und kann meinen Klumpen verbrühte Extremität nicht von einer Ampel unterscheiden. Den Zigarettenstummel schleudere ich beim Eintreten noch einem Penner in den Becher. Man hilft ja, wo man kann. „Geben ist seliger denn Nehmen“, das wussten schon die ersten Boxsportler.

Schnell noch den U-Bahnknigge befolgen, also Kopfhörer ins Ohr und voll aufdrehen, zwecks maximaler Kommunikationsmöglichkeiten, und schon sitze ich. Allerdings nicht lange, eine alte Frau bittet mich, sie sitzen zu lassen. Mache ich. Natürlich. Jede Fahrt könnte ihre letzte sein, da soll sie sie in vollen Zügen genießen – auch wenn er gar nicht soo voll, eher so mittelvoll. Hoffentlich macht es ihr trotzdem Spaß.

Am Bochumer Hauptbahnhof angekommen, marschiere ich zum Gleis 3. Passanten beäugen mich verwirrt. Dabei ist Stechschritt retro, also in. Kann halt nicht jeder jeden Trend mitmachen, ohne Aussenseiter gäbe es keine (E)Inseitigen.

Wie immer fahre ich schwarz. Schwarz passt zu allem, andere Klamotten habe ich nicht. Während der Fahrt sinniere ich darüber, ob es in politisch korrektem Deutsch „maximalpigmentiert fahren“ oder „afroamerikanisch fahren“ heißen muss, und ob die fast völlige Ersetzung des „ß“ durch „ss“ geschichtlich motiviert ist. Wenn ja, wäre das ziemlich hitler.

In Köln ist es warm, geradezu schwül. Ein pockennarbiger Jugendlicher im pinken Hasenkostüm hüpft in der Haupthalle des Bahnhofs an mir vorbei. „Heimat“, denke ich.

Nach einer kurzen weiteren Bahnfahrt und einem erfrischenden Spaziergang durch ein blühendes Industriegebiet, in dem die Ejakulationen masturbierender Fernfahrer sprießen, erreiche ich das elterliche Domizil. Oh welch Hort schöner Erinnerungen, Rückzugsort meiner Jugend!

Auf der Straße liegt eine überfahrene Katze.

Dreimal schlage ich mit dem Türklopfer gegen das Portal, das daraufhin langsam und knarzend aufschwingt. Ich trete in die 6 qm große Vorhalle ein und atme zum ersten mal seit langem wieder den modrigen Geruch des Vertrauten. Nach meinen Verwandten rufend, erklimme ich die Treppe, suche ein bekanntes Gesicht. Ich blicke in einen Spiegel. Suche weiter. Nichts. Durch eine kleine Nische gelange ich zu meinem alten Kinderzimmer. An der Tür steht in verrosteten Lettern: „KFK“. Innen strampeln Käfer auf ihren Rücken liegend darum, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Alles ist wie ich es einst Verließ. Haben Käfer eigentlich Füße?

Die Treppe wieder hinunter, in den Garten. Dort ist sie, meine Familie, heiliger Gral unserer Wertvorstellungen. Die Begrüßung ist überschwänglich und herzlich: „Hallo“

Verkrüppelte Bäume säumen majestätisch die Seiten dieses Garten Eden, und tauchen ihn in ein wohlig warmen Schatten. Wieso war ich eigentlich noch nie tauchen?

Schon allein das Wort „Eier suchen“ lässt mich ja immer kichern, wofür ich noch heute böse Blicke kassiere. „Kindisch, sowas!“ schimpft mein Vater, den bunt bemalten Reissigkorb für die bevorstehende Eiersuche unter den Arm geklemmt. Ich senke schuldbewusst den Blick und starre auf meine Füße. Mein Magen meldet sich: „Ich will ein Käsebrötchen!“

Also suchen wir die im Garten versteckten Eier.

Ich war nie besonders gut darin. Dieses Jahr allerdings schon. Ich finde einige Eier vom letzen Jahr.

Plötzlich betritt Hitler den Garten, auf der Suche nach seinem zweiten Ei. Ohne Hoden könne man nicht ficken, deswegen gebe es jetzt Krieg. Who versteckte the zweites Ei in „Drittes Reich“? Ich nicht. Wir bitten ihn, zu gehen. Geknickt, aber mit einem zackigen „Ei Hitler“ verabschiedet er sich. Nicht sehr helle, der Kerl. Stellt sich zur Verabschiedung in schlechtem Englisch vor. Ne ne… man könnte glatt meinen, er habe ein Loch im Kopf.

Nachdem alle Hod… Eier aufgesammelt sind, bitten meine Eltern mich zum Gespräch. Sie müssten mit mir reden, mir etwas erklären. Verwundert folge ich ihnen ins Wohnzimmer.

„Der Osterhase“ beginnt meine Mutter, „den gibt es gar nicht.“ Mein Magen krampft, Schweißperlen tropfen von meiner Stirn, fallen zu Boden und werden von gierigen Schweißschweinen verschlungen. Ich spüre ein Stück Kindheit sterben, merke, wie ich zum Mann werde (wie ich später merken sollte, wuchs mir in eben diesem Moment das erste Haar am Sack). Sie fährt fort. „Die Eier hat alle dein Vater versteckt.“ Betäubt blicke ich in sein Gesicht und entdecke dort Scham. Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen (ein altes Problem von mir: zwar habe ich ein fotografisches Gedächtnis, allerdings mit falschen Linsen. Ich habe Fischaugen): Mein Vater hat eine Geheimidentität! Wie Batman!

Ich strahle. Meine Eltern bitten mich, die Taschenlampe auszumachen.

(Hm. Ist meine Mama dann Robin?)

Nach diesem unangenehmen Geständnis versuchen meine Eltern, die Situation mit einer weiteren traditionellen Beschäftigungstherapie zu retten: Eier bemalen. Leider muss ich ablehnen. Hier merke ich den Generationenunterschied. Sie haben meinem Vater, ganz altmodisch, die Hoden mit Farbe angepinselt. Ich hingegen, modern und hip wie ich bin, habe mir Diamanten bei Ikea (Model: Glitzi) gekauft und sie an meinen Sack geklebt (mit Uhu flinke Flasche) – wir ultracoolen People nennen das „Fabergé-Eier“. Schade, dass Hitler schon gegangen ist; sonst hätte ich ihm „Verlorene Eier“ anbieten können.

Betretenes Schweigen. Wir ziehen unsere Hosen wieder hoch. Alle An- und Verwesenden wissen, dass es keinen Sinn hat, noch länger beieinander zu bleiben. Ich entschließe mich zu gehen. Ich bin schon oft gegangen. Aber dieses Mal gehe ich gehender, als ich je gegangen bin. Ich übergehe geradezu. In diesem Falle die Einzelheiten der Verabschiedung.

An dieser Stelle bricht die Übertragung ab, da ich kein Kleingeld mehr zum Einschmeißen habe. Dies bitte ich zu entschuldigen. Hätte mir doch die Zukunfts-Flatrate kaufen sollen anstatt Pay-by-Call.

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Comments
2 Responses to “Käfer und Hitler: Wie mein Osterfest ausgesehen haben wird”
  1. SanjiHideki sagt:

    Ich las: „HITLERASSE EINEN KOMMENTAR“ – noch Fragen?

    wie immer genial xD

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