Vom Heimkommen

Kaputter Heinrich

Der Kaputte Heinrich erwartet mich bereits, als ich um die Ecke biege und die Straße überquere. Es ist Sonntag. Jedenfalls glaube ich das, sicher weiß ich es nicht. Wie lange war ich  unterwegs? Wo war ich unterwegs? Mit wem? Und was habe ich gemacht? Mein Wochenende ist ein Deklarativsatz ohne Aussage. Die Fragen werden sich in den kommenden Stunden klären. Hoffe ich. Vielleicht auch nicht. Mal schauen. Gerade habe ich akutere Probleme als die Vergangenheit, da mein Gaumenzäpfchen sehr gegenwärtig auf meiner Zunge aufliegt. Ein Zombie hing vom Gaumenzäpfchen. Die Welt dröhnt, mein Körper reagiert mit einer leichten Verzögerung auf da, was mein Kopf ihm befiehlt. Wie in einem schlecht programmierten VIdeospiel. Game Over, Körper. Bitte einwerfen zum Weitermachen.

Während ich mich also ohne Knochen im Körper über die Straße mühe, wartet der Kaputte Heinrich schon auf mich, wie immer. Er war schon da, als ich los bin, am… damals. Vor ihm sitzen, immer noch (?) seine Ureinwohner: Kaputter Heinrich 1, Kaputter Heinrich 2 und Kaputter Heinrich (Misses) 3. Wahrscheinlich sind die drei schon vor langer Zeit gestorben,  haben es aber einfach nicht mitbekommen, sondern sind einfach sitzen geblieben. Zu welcher Uhrzeit auch immer, der kaputte Heinrich und seine kaputten Heinrichmännchen sind immer da, unveränderlich trotzen sie Wind, Wetter und der Zeit. Wahrscheinlich würden sie sogar einen Atomkrieg überleben, zusammen mit den Kakerlaken und Helmut Schmidt.

Kaputter Heinrich 1 ist das, was man sich unter der Einrichtung einer „urberliner Kneipe“ vorstellt: schön jedenfalls nicht. Gedanklich stehengeblieben in der Blütezeit seiner Fokuhila-Frisur, als sein über dem Bauch spannendes Poloshirt (grau-weiß, auf jeder Seite ausschweifend ein weinroter Längsstreifen), seine dunkelblaue Adidasjogginghose mit den vier Streifen und seine Birkenstock vermutlich mal modern waren, sein Berliner Pilsener in der einen, die Selbstgedrehte in der anderen Hand. Kaputter Heinrich 1 kennt sich gut mit Politik aus, schließlich ist er ein belesener Mann. Er hat von seinem Platz aus eine perfekte Sicht auf die Bild in der Auslage des Kiosk auf der anderen Straßenseite. Er schimpft auf Westerwelle und Rösler und Luhukay. Aber Merkel mag er, die wisse, was gut ist „für Deutschland“. Sagt er und bekommt wortlos ein neues Bier hingestellt.

Ich habe es immer noch nicht geschafft, die Straße zu überqueren, da sich ein Auto nähert und ich ihm als Mitglied der dominanten Spezies auf unserem Planeten meine Ergebenheit ausdrücken will.

Kaputter Heinrich 2 macht derweil das, was er immer tut: er trotzt dem Tod.

Kaputter Heinrich (Misses) 3 ist eine weibliche Version von Kaputter Heinrich 1. Heutzutage wird alles durchgegendert. Sogar der Kaputte Heinrich.

Inzwischen bin ich schlingernden Schrittes fast an ihnen vorbei. Ein beiläufiger Blick zu ihnen, sie erwidern ihn, weniger beiläufig. Sie haben mich erwartet, wie sie mich jedes Wochenende erwarten. Wir haben noch nie ein Wort miteinander gewechselt, aber sie wissen Bescheid. Wie die Familie, die ich so nie hatte und so auch nie wollte. Für eine Sekunde halten sie in ihren Ausführungen inne, einer nach dem anderen gibt mir eine Blickbrofist. Ich blickbrofiste zurück.

Dann blicke ich wieder nach vorne, sie widmen sich weiter ihrem Gespräch. Als wäre nichts passiert, als wäre nichts zwischen uns. Unser kleines gemeinsames Geheimnis, meine Samwise Gamgees. Vielleicht werde ich bald so wie sie, Kaputter Heinrich 4. Oder vielleicht bin ich es schon. Ich sollte sie mal fragen. Oder auch nicht, wir alle vier mögen keine Veränderungen, darin sind wir uns einig.

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